Denkmal für Schnee. Kunstinstallation am Glungezer
In den Tuxer Alpen zwischen dem Glungezergipfel und der Gamslahnerspitze, auf ca. 2600 Meter Höhe hat die Tiroler Künstlerin Esther Strauß einen Ort der Begegnung und des Nachdenkens über unseren Umgang mit Natur geschaffen.
Das im Rahmen des RLB Kunstpreises 2024 entstandene Kunstwerk verbindet einen dezenten, 80 Zentimeter breiten Messingschriftzug aus 3 Worten mit einer Wanderkarte und einer sechsteiligen Audioführung. Entlang der Audiostationen, die direkt bei der Bergstation Tulfeinexpress beginnen, werden wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel anschaulich vermittelt.
Zugleich setzt sich das Werk mit den emotionalen Folgen dieser Veränderungen auseinander: Im Mittelpunkt steht die Trauer über das zunehmende Verschwinden des Schnees – eines prägenden Elements der alpinen Landschaft, unserer Identität und des Tourismus.
Der Schriftzug
Er wurde von Schlossermeister Michael Gassebner hergestellt. Montiert ist die Kunstinstallation auf einer namenlosen Bergspitze nahe des Glungezers. Der Titel „Denkmal für Schnee“ bezieht sich auf das gleichnamige Gedicht von Helwig Brunner. Esther Strauß‘ künstlerische Arbeit erinnert an etwas, das vielerorts bereits selten geworden ist: Schnee.
Das „Denkmal für Schnee“ fragt, wie wir mit den Verlusten umgehen können, die die Klimakrise mit sich bringt: Die drei Worte "Denkmal für Schnee" verwandeln den Berg in einen Sockel. An seinem höchsten Punkt mag irgendwann – an einem Tag, der sich erahnen, aber nicht vorhersagen lässt – der letzte Schnee schmelzen, der auf diese Spitze fällt.
Sechsteilige Audioführung
Zum Gesamtkunstwerk „Denkmal für Schnee“ gehört auch eine sechsteilige Audioführung. Die Audiostationen befinden sich entlang des Weges zwischen der Bergstation Tulfein (2.056 m) und dem Glungezergipfel (2.677 m).
Die Hörstationen sind mit einem QR-Code ausgestattet, über den die Audiotexte abrufbar sind: „Ausgehend von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, laden die Audiotexte dazu ein, nachzuspüren, was die Klimakrise mit unserer Seele macht. Die Wanderung zum ,Denkmal für Schnee‘ gibt die Gelegenheit, miteinander am Weg und im Gespräch zu sein“, erklärt die Künstlerin und ergänzt: „Vor allem handeln die Audiotexte von „ecological grief“, der ökologischen Trauer bzw. Umwelttrauer. Im Fokus steht dabei die Performativität von Trauer, die in Bezug auf die Klimakrise auch eine Chance bereithält.“ Esther Strauß schrieb die Audiotexte ausgehend von Gesprächen mit den Expert:innen Georg Kaser (Klimaforscher), Maria Streli-Wolf (Trauerbegleiterin), Harald Schellander (Meteorologe GeoSphere Austria) und Evelyn Kustatscher (Paläobotanikerin und Leiterin der Naturwissenschaftlichen Sammlungen der Tiroler Landesmuseen).
Die Audiodateien können sich bereits im Vorfeld heruntergeladen werden. Siehe nachfolgenden Link
Die Wanderkarte
Klimawandel und die Zukunft der Alpen
Es ist unbestritten, dass die Alpen momentan am stärksten vom Temperaturanstieg und der Gletscherschmelze betroffen sind. Von Wissenschaftler:innen wird die Klimakrise in den Alpen seit Jahrzehnten anhand der Gletscherschmelze dokumentiert. Zwischen 1969 und 2015 gingen in Österreich 40 Prozent aller Gletscher verloren – in wenigen Jahrzehnten werden sie vollständig verschwunden sein.
Aber auch der Schnee wird weniger. Als die Glungezer Hütte 1932/33 als Starthütte für die erste FIS-Ski-Weltmeisterschaft errichtet wurde, führte ihre später legendär gewordene Abfahrt über 16 Kilometer hinunter bis zur Karlskirche ins Inntal. Heute ist diese Strecke nur sehr selten in voller Länge mit Schnee bedeckt. Auch leidenschaftliche Skitourengeher bedauern dies sehr, stellt die Abfahrt gleichzeitig auch die längste Skitour Tirols dar.
„Wir wissen, dass die Klimakrise durch Menschen verursacht ist. Vielen von uns fällt es schwer, diesen Umstand anzunehmen und entsprechend zu handeln. Vielleicht kann uns die Trauer um das, was wir verloren haben und was wir noch verlieren werden, dabei helfen, vom Wissen ins Begreifen und schließlich ins Handeln zu kommen. Vielleicht kommt ein Denkmal, das einen Verlust betrauert, der noch nicht vollends eingetreten ist, gerade noch zur rechten Zeit. Und vielleicht kann uns ein Denkmal, das aus der Zukunft zu uns kommt, helfen, die Zukunft neu zu schreiben“, sagt Esther Strauß. Denn meist erinnern Denkmäler an Menschen, Ereignisse oder Dinge, die bereits vergangen sind.
Eröffnung des Projekts
Die Künstlerin Esther Strauß
Esther Strauß (*1986 in Tarrenz) ist Performance- und Sprachkünstlerin. In ihren Werken setzt sie gezielt Lücken und Geheimnisse ein. Das, was ihre Arbeiten verbergen, ist ebenso wichtig wie das, was sie preisgeben. Sie kann auf eine internationale Ausstellungstätigkeit verweisen, unter anderem im Freud Museum London, Perdu Amsterdam und TAXISPALAIS Kunsthalle Tirol. Ihre Werke finden sich mitunter in Texten von Elfriede Jelinek und Katy Hessel wieder. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den RLB Kunstpreis 2024, den Paul-Flora-Preis 2022 und das BMKOES Staatsstipendium 2021. Seit 2015 lehrt Strauß an der Kunstuniversität Linz, wie Künstler:innen über ihre eigene Arbeit sprechen, schreiben und schweigen können.



